Ein bewegtes Leben zwischen zwei Kulturen, geprägt von ehrenamtlichem Engagement, politischem Wirken und unermüdlichem Einsatz für gelungene Integration: Vor einem vollen Saal stellte Ergun Can sein autobiografisches Werk „Vom Bosporus zum Nesenbach. Und zurück?“ beim Kulturfrühstück der SPD Sillenbuch Heumaden Riedenberg vor. Das Buch beleuchtet eindrucksvoll Cans Weg vom siebenjährigen Gastarbeiterkind im Schwarzwald bis hin zum engagierten Stuttgarter Kommunalpolitiker und Konzernbetriebsratsvorsitzenden.
Die Geschichte nimmt ihren Anfang im asiatischen Teil Istanbuls, bevor Cans Vater 1962 als einer der ersten Gastarbeiter in den Schwarzwald kam. Mit sieben Jahren folgte Ergun Can nach Schramberg. Die ersten Schritte im neuen Land waren geprägt von plötzlicher Kälte und erstem Schnee. Die Integration wurde durch das kleinstädtische Umfeld und den Fußballverein stark erleichtert; die Nachbarin – eine Lehrerin – unterstützte das Erlernen der deutschen Sprache. Zu Hause bestand der Vater strikt darauf, Türkisch zu sprechen – eine Entscheidung, für die Can heute tief dankbar ist, da sich die Zweisprachigkeit in seiner späteren Karriere als immenser Vorteil erwies. In Schramberg schnitzte er erste Masken für die aktive Teilnahme am alemanischen Fasnachtsumzug. Das Maskenschnitzen wurde ihm zum Hobby, und man kann zwei seiner Werke im Landesmuseum Württemberg betrachten.
Cans Lebensweg steht exemplarisch für Aufstieg durch Bildung und Ehrgeiz: Vom Hauptschulabschluss arbeitete er sich über den zweiten Bildungsweg bis zum Abitur hoch und schloss ein Fachhochschulstudium ab. Bereits 1974 trat er der IG Metall bei, 1982 der SPD. Neben seiner beruflichen Laufbahn im IT-Bereich engagierte er sich intensiv ehrenamtlich sowie im Stuttgarter Gemeinderat.
Aufschlussreich waren Cans Anekdoten aus seiner Zeit als Stadtrat: Als man ihn nach dem Einzug in die Fraktion automatisch im Sozialausschuss und bei den Migrantenvereinen verorten wollte, lehnte er dies entschieden ab. Stattdessen engagierte er sich aus Überzeugung im Ausschuss für Umwelt und Technik und besuchte Vereine wie den Schwäbischen Albverein oder lokale Bürgervereinigungen. „Ich komme aus der Industrie und wollte mich nicht auf typische Rollenmuster reduzieren lassen“, so Can. Gleichwohl trieb er ein türkeistämmiges Netzwerk mit an, um Parteien für Menschen mit Migrationsgeschichte zu öffnen.
Einen breiten Raum nahm in der anschließenden Diskussion das Thema Integration und gesellschaftliche Teilhabe ein. Can sparte dabei nicht mit Kritik: Deutschland habe die aktive Integration in den 1980er Jahren weitgehend verschlafen. Versäumnisse bei der Sprachförderung und eine teils „falsche Toleranz“ hätten das Entstehen von Parallelgesellschaften begünstigt. Zudem bedauerte er, dass die komplexe Debatte über qualifizierte Zuwanderung heute oft pauschal mit dem Asylthema vermengt werde.
Für zukunftsfähige Integrationskonzepte plädierte Can dafür, verstärkt auf Familien zu setzen und Anreize für ehrenamtliches Engagement zu schaffen. Das Ehrenamt bezeichnete er als tragendes Fundament einer Demokratie, das es wieder stärker bei der jüngeren Generation zu fördern gelte.
„Und zurück?“ – Die Frage im Buchtitel beantwortet Ergun Can für sich mit einem wahrscheinlichen „Nein“. Zwar zieht es ihn im Ruhestand auf den Spuren seiner Vorfahren immer wieder in die Türkei, seine Heimat und sein Lebensmittelpunkt bleiben jedoch Stuttgart und die Region.