Artikel über die Veranstaltung zum politischen Aschermittwoch.
Artikel über die Veranstaltung zum politischen Aschermittwoch.
Der neue SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel hat sich im „roten Osten“ die Hoheit über den Stammtisch gesichert. In der „Friedenau“ hat erst der Musikverein Gaisburg aufgespielt, dann las der Politiker dem Ministerpräsidenten die Leviten.
Von Jörg Nauke
Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 07.02.2008
Franz-Josef Strauß, der Anfang der 50er-Jahre in Vilshofen den Politischen Aschermittwoch neu definierte, indem er begann, stundenlang den politischen Gegner zu diffamieren, wäre natürlich nie in den Sinn gekommen, einen Parteifremden zu würdigen. So gesehen hat sich der neue Chef der SPD-Landtagsfraktion, Claus Schmiedel, gestern einen Ausrutscher geleistet, indem er in seiner Rede den CDU-Oberbürgermeister Wolfgang Schuster positiv erwähnte. Zu Schmiedels Entlastung ist allerdings zu sagen, dass der OB nur deshalb gelobt wurde, weil er seinen Parteifreund Roland Koch vor und nach der Hessen-Wahl kritisiert hatte. Das war also ganz im Sinne des Sozialdemokraten, der weiß: „Bei Koch ist der Lack ab.“ Und auch bei dessen Amtskollegen aus Baden-Württemberg hat Schmiedel Verschleißerscheinungen ausgemacht. Erst fordere Günther Oettinger die Rente ab 67, dann entlasse er seinen einzigen fähigen Minister mit dem Hinweis, der sei mit 65 Jahren zu alt, wunderte sich der SPD-Fraktionschef. Tosenden Beifall erhielt er für die Feststellung, Erwin Teufel hadere heute mit seinem Schicksal, weil sich die Vorbehalte gegen seinen Nachfolger voll bestätigt hätten. Schmiedel stellte sich den Alt-Ministerpräsidenten „beim Abendgebet in der Münchner Studierstube“ vor: „Oh Herr, warum hast Du zugelassen, dass nicht papsttreuer Katholizismus, sondern Stuttgarter Leichtlebigkeit ohne anständige kirchliche Bindung die Villa Reitzenstein erobern konnte?“ Der Saal in der Friedenau verströmt den Charme jener Zeiten, in denen die SPD in Stuttgart noch eine Macht war. Daran mag sich Schmiedel erinnert haben, als er für die Wahl 2011 das Ziel „35 Prozent plus x“ ausgab – das löste in der Eckkneipe ein munteres Kopfrechnen aus; schließlich hatte es das letzte Mal gerade einmal zu 25,2 Prozent gereicht. „Das war ein Betriebsunfall“, beruhigte Schmiedel, der prompt ein Zehn-Punkte-Programm androhte, mit dem er die „Schwarzen“ in den nächsten Monaten vor sich herzutreiben gedenke – und es dann auch tatsächlich herunter gebetet hat. Schmiedel hat dann erwartungsgemäß kein gutes Haar an der Landesregierung gelassen. Oettingers Atompolitik sei falsch, populistisch und hinterlistig“, klagte der Fraktionschef. Man wolle einer Technologie neuen Atem einhauchen, deren Gefährlichkeit und Unbeherrschbarkeit erwiesen sei. Schmiedel wandte sich auch gegen Überlegungen, Leistungen für Familien zu kürzen. Sie bräuchten nicht weniger, sondern mehr Förderung. Am Politischen Aschermittwoch klingt das freilich so: „Sonst bleibt den Familien mit Kindern nur der Baggersee, während kinderlose Ehepaare auf die Malediven reisen.“
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